"Der Wolkenkratzer" - Gesellschaftsbau unserer Zeit


Bilder und Kommentar, Blockupy-Proteste 2013


Vor der EZB Frankfurt/Main, Blockupy 2013


Max Horkheimer, Aphorismen - Sammlung "Dämmerung. Notizen in Deutschland" (1934)








gebautes Modell, Karton und andere Materialien, ca. 250 x 60 cm






This is how Capitalism looks like!
Staats-Gewalt vor der Frankfurter Skyline und Horkheimers Wolkenkratzer
- Ein Nachtrag -


Berichte über politische Aktionen kommen in "Krisenzeiten" immer zu
spät. Man sucht noch nach Begriffen und Bildern, um die Ereignisse
rund um die Blockupy-Proteste in Frankfurt von Anfang Juni begreifbar
und mitteilbar zu machen, da scheinen sie bereits ausdruckslos
anlässlich der noch hässlicheren Bilder und Berichte der vergangenen
Wochen über die Gewaltausübung der Mächtegruppen in der Türkei
beispielsweise und im Grunde überall, wo Menschen gegen die repressive
Ordnung des Kapitalismus für ihre Freiheit kämpfen. Als wir am 1. Juni,
während das massive Polizeiaufgebot die Blockupy-Demonstration in der
Hofstraße in Frankfurt festsetzte, per Durchsage informiert wurden,
dass die DemonstrantInnen auf dem Taksim-Platz in der Türkei die
Polizei zurückgedrängt hätten, machte uns das Mut - wenngleich nicht
naiv euphorisch. Dieses Bild bewegte und Jubel brach in der Demo aus -
dem zwei Wochen später allerdings wütende Protestrufe folgen sollten:
"Taksim ist überall und überall ist Widerstand!". Wenigstens für den
Augenblick konnte diese Nachricht jedoch das Standbild der mit
Regenschirmen, Transparenten und Informationstafeln Eingekesselten und
der sie unterstützenden DemonstrantInnen in Frankfurt überlagern.
Denn hier gab die Polizei ihre Blockade der Demonstration an diesem
Tag nicht auf, auch nach 11 Stunden nicht. Ohnmacht der
demokratischen Partizipation im Angesicht der Staatsmacht. Ohnmächtig,
aber noch ein bisschen handlungsfähig: Tanzen, singen, mal
Seifenblasen, die durch die Luft schwebten, ein anderes Mal Farbe, die
sich ergoss, skandieren, sitzen, stehen, ein bisschen gehen. Die
Bewegungsrichtung aber erzwangen Pfefferspray, Knüppel und Fäuste der
Polizeieinheiten. Zwischen hohen Gebäuden und Polizeiketten eingezwängt
ging es zurück oder auf der Stelle, aber keinesfalls vorwärts.
Vorne lag die Europäische Zentralbank als Sinnbild quasi
stellvertretend für alle Mächtegruppen der kapitalistischen
Gesellschaft. Vorne reihen sich Wolkenkratzer an Wolkenkratzer, deren
hierarchische Architektur der sozialen Hierarchie der kapitalistischen
Klassengesellschaft entspricht, die trotz einiger Renovierungsarbeiten
im Laufe des Zivilisationsprozesses ihre Gestalt nicht verändert hat.
Der Kritische Theoretiker und Vertreter der Frankfurter Schule Max
Horkheimer hatte den Gesellschaftsbau seiner Zeit einst als
Wolkenkratzer beschrieben: Die oberen Stockwerke halten die
kapitalistischen Mächtegruppen besetzt, gefolgt von ihren
UnterstützerInnen wie den ManagerInnen, PolitikerInnen, Militärs,
WissenschaftlerInnen und anderen wichtigen MitarbeiterInnen,
schließlich auch den Angestellten. Dann die kleine Gruppe der
selbständigen Handwerker und Bauern, gefolgt von der Etage des
Proletariats. Weiter unten werden die Menschen außerhalb der führenden
Industrienationen durch den modernen Imperialismus ausgebeutet durch
Land Grabbing beispielsweise oder Rohstoffraub, unfairen Handel und
Umweltzerstörung. Ganz unten im Gesellschaftsbau sind die Gruppen der
vollends Geknechteten eingesperrt: zum einen die menschlichen modernen
Sklaven, die "Kulis" wie Horkheimer schrieb, zum anderen im Keller des
Gesellschaftsbaus die versklavten Tiere in der "Tierhölle".
An Horkheimers Metapher haben wir uns orientiert, als wir ein
Wolkenkratzer-Modell unserer Gegenwartsgesellschaft entwarfen und das
gebaute Modell auf den Demos in Frankfurt am 1. und 8. Juni mitführten.
Das Modell zeigt als Querschnitt durch den Gesellschaftsbau die
verschiedenen Klassen der Gesellschaft vor dem Hintergrund der
kapitalistischen Produktionsweise. Vieles bleibt bei dieser Umsetzung
einfach und reduziert: nicht alle Klassenfraktionen sind abgebildet,
die horizontale Ungleichheit nur angedeutet, die Reproduktionsarbeit
ist als fast unsichtbarer Bereich im Hintergrund vermerkt. Das Modell
wäre noch um vieles zu ergänzen, etwa auch um die Situation der
Flüchtlinge und Geflüchteten - dargestellt mit Frontex, Mauern und
Zäunen etwa, die Handlungschancen versperren. Auch die Absperrung der
Klassengrenzen durch die bestehenden Verhältnisse könnte sichtbar
gemacht werden: ein Lift, mit dem die verschiedenen Gruppen der
herrschenden Klasse von einer Ebene oben in die andere gelangen
können; und auch "gestürzt" werden können und dann trotzdem oben weich
landen. Die Etagen der Klassenfraktionen in der Mitte sind dann über
Treppen verbunden, nach unten hin werden die Abstände zwischen den
Stufen immer größer und fast unüberwindbar. In den untersten Etagen
werden die Stufen erst brüchig, dann sind sie nicht mehr vorhanden.
Die Sklaven der kapitalistischen Gesellschaft müssten hoch springen
können oder Hilfsmittel haben, um "frei" zu kommen (wenigstens in eine
Lage "sanfterer" Unfreiheit). Die herrschende Klasse liefert hingegen
Waffen, um die Sprungversuche zu unterbinden. Der Keller, der den
Großteil der Tiere gefangen hält, ist abgeschlossen - physisch und
ideell. Das Fundament wurde schon zur Zeit der neolithischen
Revolution gegossen und seitdem mit immer neuem Material gefestigt
und kleine Risse sofort verputzt. Allen Klassen oberhalb der Tiere
wurden Vorteile aus ihrer Vernutzung versprochen, das Elend der Tiere
verharmlost und die Öffnung der Kellertür dämonisiert. Für die so
genannten "Nutztiere", deren Leben und Körper gewaltsam nach den
Zwecken des Kapitals zugerichtet und vernichtet wird, aber auch für
alle anderen Tiere ganz unten in der Gesellschaft, gibt es keinen
eigenen Befreiungsversuch, sondern nur die Möglichkeit ihrer Befreiung
durch menschliche Gefährten im Sinne der universalen Solidarität mit
allen Unterdrückten.
Neben die Deutsche-Bank-Commerzbank-EZB-Messe-Union-Investment-
Allianz-American-Express-usw-Wolkenkratzer platziert, soll unser
Wolkenkratzer-Modell skizzen- und ausschnitthaft die materielle
Substanz und soziale Praxis transparent machen, die dem Kapitalismus
zugrunde liegt. Es war auch hier die Frankfurter Schule um Horkheimer,
Adorno und Marcuse, die davor warnte, nur den idealistischen Schein
der Gesellschaft wahrzunehmen und - übersetzt auf unser Wolkenkratzer-
Modell - es bei einer abstrakten Kritik an seiner Ausstattung, an
seinen Maßen, an der Verteilung und an seiner Erscheinung zu belassen,
anstatt zu kritisieren und zu verneinen, was konkret, im Praktischen,
ganz materiell den "Bewohnern" der Etagen, vor allem der unteren,
widerfährt: Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung, die menschliche wie
tierliche Individuen zu Waren und das, was sie als autonome Subjekte
sein könnten, durch die kulturindustriell organisierte Verblendung
unkenntlich - vielleicht sogar vergessen ? - machen.
In dieser Verblendung scheint der Wolkenkratzer ob seiner Höhe,
Wuchtigkeit, Imposanz und seines Glanzes undurchschaubar und
unabänderlich, vielmehr verehrungswürdig zu sein. An der Erscheinung
des Wolkenkratzers wurde von der herrschenden Klasse viel überdeckt
und überstrichen bis dieser dem Einzelnen als zivilisatorischer
Fortschritt vorkam, als der er sich ausgibt. Die Re-formen betrafen
freilich stets nur die Formen im Inneren, nie die Form des
Wolkenkratzers an sich. Geblümte Tapeten statt graue Wände in den
Etagen der Angestellten und ArbeiterInnen, eine neue Deckenbeleuchtung
gibt vor, die Verdunkelung aufzuhellen, High-Tech statt befriedete
Technik, Windows statt Weitblick und Durchblick, Social Media statt
solidarische soziale Beziehungen; dann noch für einige wenige der
Geknechteten ganz unten "Humanisierungen" ihrer Ausbeutungssituation:
für die eine Familie eine Spende, für eines der Kinder ein
Bildungsprogramm, für einen der Arbeiter einen Schutzanzug, für eines
der Tiere ein bisschen Stroh zum Liegen, einen größeren Käfig oder
einen "Freilandstall". Diese Renovierungen sollen den Konsum und den
Schein der "guten kapitalistischen Ordnung" aufrechterhalten.
Dieser idealistische Schein, die bürgerlichen moralischen Werte und
die philosophischen Debatten um diese seien Teil des Mörtels, der den
Gesellschaftsbau zusammenhält, so Horkheimer.
Die Wirkung dieses Scheins zeigte sich sogar noch in dem Entsetzen,
das man in den Gesichtern vieler DemonstrantInnen am 1. Juni
angesichts der Polizeigewalt sehen konnte. In der demokratischen
Ordnung sollten solche Übergriffe nicht möglich sein - dies war der
Tenor vieler nach der Demo. Man gab seinen Prügel -in diesem Denken !-
schließlich nicht an den Staat als Gewaltmonopolinhaber ab, um mit
selbigem ohne Legitimation eins übergezogen zu bekommen. Dies
irritiert das Vertraute und lässt das Vertrauen entschwinden, dass die
Grenze zur Gewalt vom Staat nicht überschritten wird, so lange man
diese Grenze selbst nicht unzumutbar strapaziert. Von
Vertrauensverlust zu sprechen heißt aber, dass man den Mythos der
"guten Ordnung" im bestehenden Falschen anerkennt. Diese Akzeptanz ist
unvernünftig und vernünftig zugleich. Sie ist unvernünftig, weil sie
das schlechte Bestehende verewigt. Und sie ist vernünftig oder
vielleicht besser verständlich hinsichtlich der Angst vor einer
weiteren Grenzverletzung oder -verschiebung durch den Staat. Dass
diese sich in einer sich noch weiter verschlechternden Situation
verstärken könnte, lässt die Anerkennung der erreichten (Freiheits-,
Partizipations-, sozialen Rechte) als wichtig erscheinen. Die Angst
ist dabei vor allem hervorgerufen durch die Verletzlichkeit unserer
Körper. Mit diesem Angriffsziel können die Repressionsagenturen
taktieren und das Aufgeben, den Rückzug erzwingen - eine Macht, die
sich geschwächt sieht durch etwas, was noch stärker ist: die Angst
aufgrund der Kenntnis der Protestierer, dass die Gewalt weit über den
momentanen Angriff gegen einen selbst hinausgeht und ständig in
verschiedenen Formen präsent ist oder aber, dass jemand anderer
verletzt wird. Dessen Leiden wird schließlich zum eigenen Leid, zum
Mitleid angesichts der Verletzungen des Anderen: angesichts der
Verletzungen der Näherinnen in den Textilfabriken Indonesiens etwa,
oder der Bergleute in den Kohleminen Mexikos, der Hungernden und in
Armut Lebenden, beispielsweise der Flüchtlinge, Verfolgten, Gefangenen
oder der Zwangsprostituierten, sexuell Missbrauchten und
Vergewaltigten, der von Hetze, Benachteiligung, Ausgrenzung,
Rassismus, Sexismus, Krieg, Tyrannei, Folter und Vernichtung
Betroffenen, schließlich das Mitleid angesichts der Verletzungen
der vernutzten Tiere.
Das Entsetzen im Angesicht der Polizeigewalt gegen die Blockupy-Demo
in Frankfurt war folglich eine richtige und wichtige Reaktion. Es
verblasst jedoch zum bürgerlichen Unbehagen, zur Skandalisierung einer
vermeintlich bloßen Grenzübertretung polizeilicher Befugnisse, wenn es
nicht auf die materiellen Bedingungen dieser staatlichen
Gewaltanwendung bezogen wird. THIS IS HOW CAPITALISM LOOKS LIKE! Es
ist ein weit zurückreichendes und sich stets neu kopierendes Bild: das
des Ausschlusses der beherrschten Gruppen von der gleichberechtigten
Nutzung der wichtigen Ressourcen durch die von der herrschenden Klasse
durchgesetzten Eigentumsverhältnisse; das Bild der gewaltsamen
Verteidigung der kapitalistischen Produktionsweise und der
Akkumulation von Kapital durch die verschiedenen Mächtegruppen gegen
jede grundlegende Auflehnung, gegen jeden Kampf um Aufhebung der
Klassenverhältnisse, gegen jeden Befreiungsversuch und gegen jedes
Bemühen um Bewusstmachung der Verhältnisse und um Wahrheit. Diese
Repression reicht vom Hinwegsetzen über Gesetze und Beschlüsse, von
der Anpassung der Gesetze an die Interessen der herrschenden Klasse
(z.B. Einschränkung und Aushebelung der Freiheitsrechte), von
Schlagstöcken, Pfefferspray, Tränengas, Wasserwerfer, Gummigeschossen
bis hin zu scharfer Munition, Militäreinsatz, Freiheitsberaubung,
Vertreibung, Abweisung, Auslieferung, Verschwindenlassen, Hinrichtung,
politischem Attentat... - die Mittelwahl ist für die herrschende
Klasse Ergebnis von Berechnung und eine praktische Frage, keine
moralische.
Die Polizeigewalt am 1. Juni gab eine vage Vorstellung von der Gewalt,
die sonst stets andere trifft und davon, dass die Beseitigung der
Unterdrückungsverhältnisse erkämpft werden muss und auch, dass der
Wolkenkratzer nicht seine Gestalt verliert, solange es ein Oben und
ein Unten, Unterdrücker und Unterdrückte gibt. Die Demonstration am
1. Juni wurde von Corporate Germany blockiert, weil sie zu großen
Teilen kämpferisch, antikapitalistisch, antinational, emanzipatorisch
und solidarisch war - mit allen Opfern des Kapitalismus: den
ausgebeuteten Menschen, den unterdrückten Tieren, der zerstörten Natur.


Melanie Bujok


Der "Zusammenschluss Gesellschaftskritik & Kunst" ist ein zu Blockupy 2013 entstandenes Bündnis der Bildenden
Künstlerin Lin May aus Berlin und der politischen Aktivistin und Sozialwissenschaftlerin Melanie Bujok.
"'Der Wolkenkratzer' - Gesellschaftsbau unserer Zeit" ist ein gemeinsam gebautes Modell.

Kontakt per Email: Gesellschaftskritik_Kunst@gmx.de

Infos zu Blockupy 2013: blockupy-frankfurt.org



Vor der Deutschen Bank Frankfurt/Main, Blockupy 2013






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